Geocaching für die Seele

Ann-Kathrin (biotonne88) ist eine Geocacherin aus Hessen und seit 2013 auf Dosensuche. Geocaching ist für sie nicht nur ein Hobby, sondern eine Säule ihrer seelischen Gesundheit. Als sie vor einigen Jahren die Diagnose Borderlinepersönlichkeitsstörung (BPS) erhielt, wurde das Spiel für sie zum wesentlichen Bestandteil, um die oft starken Stimmungsschwankungen zu bewältigen. Als Gastautorin gewährt sie uns Einblick in ihre Leidenschaft für das Geocaching, erklärt was es mit der psychischen Erkrankung auf sich hat, von der 3% der Bevölkerung betroffen sind, und wie Geocaching ihr geholfen hat, ihre innere Mitte wiederzufinden.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue nach rechts zu meinem Freund, der am Computer spielt. Mir ist langweilig. Was soll ich nur mit diesem schönen Herbsttag anfangen. Da fällt mir ein, dass meine Freundin Jessica letztens erzählt hat, dass sie mit ihrem Freund ein Outdoorspiel gespielt hat. So etwas wie Schnitzeljagd. Nur moderner. Ich schreibe Jessi an und frage sie danach. Geocaching. Stimmt so hieß das. Also rufe ich die Internetseite, die sie mir geschickt hat auf und registriere mich. Ich lese mir ein paar Informationen dazu durch und denke, dass das gar nicht so schwierig wirkt. Da meine Neugier geweckt ist, lade ich mir die App herunter. Als ich die Karte aufrufe, sehe ich schon das erste grüne Symbol. Ein Traditional Cache, der direkt in unserer Parallelstraße liegt. Ich erzähle meinem Freund, dass ich mal schauen möchte, was ich dort finde und er begleitet mich. Wir müssen nur um zwei Ecken laufen. Noch 30 m und schon zeigt der Pfeil auf der Karte, dass wir da sind. Wir schauen uns die Leitplanke, die die Straße hier teilt, an und ich entdecke eine magnetisch befestigte Dose. Das ist er also. Ein Geocache.

Als ich vor sechs Jahren auf diese Weise meinen ersten Cache fand, war ich total begeistert davon, dass so viele Menschen jene Straße entlang gingen ohne auch nur die Existenz dieses “Schatzes” zu erahnen und ich nun zu dem kleinen Kreis der “Wissenden” gehörte. Obwohl mich dieser Gedanke faszinierte, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht gedacht, dass dieses Outdoorspiel einen solch großen Stellenwert in meinem Leben erhalten würde.

Vor drei Jahren habe ich die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) bekommen und seitdem habe ich sehr viel über mich und meine Probleme gelernt. Mich wundert es nicht, dass ich vor dem Geocachen nie ein Hobby hatte, das ich dauerhaft betrieben habe. Die BPS zeichnet sich durch Sprunghaftigkeit aus. Nicht nur innerhalb der Stimmung der Betroffenen. Es fällt ihnen schwer Entscheidungen zu treffen und sie haben Angst Fehler zu begehen, die ihnen wieder negative Emotionen bereiten. Dass ich eine solch große Leidenschaft für das Geocachen entwickelt habe, ist daher etwas ganz Besonderes für mich und seitdem mir das das erste mal bewusst geworden ist, ist mir auch klar geworden, dass es mein Weg aus dieser Krankheit ist.

Die BPS ist ganz unterschiedlich ausgeprägt. Doch in fast allen Fällen ist das größte Problem, dass die Betroffenen ihre Gefühle nicht angemessen regulieren können. Wenn die Spannung zu hoch wird, die Emotionen einen überschwemmen, werden oft dysfunktionale Verhaltensweisen entwickelt, welche die Anspannung schnell reduzieren, aber zum einen den Betroffenen und zum anderen auch oft Angehörige schädigen. Hierzu zählen zum Beispiel Selbstverletzungen, Wutausbrüche oder Hochrisikoverhalten. In der DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) werden alternative Methoden, sogenannte Skills, erlernt, um die Anspannung funktionaler zu regulieren. Seitdem ich geocache, habe ich das Hobby automatisch auch als Skill eingesetzt. Das heißt, wenn meine Anspannung und u.a. der Schneidedruck zu hoch werden, gehe ich auf Dosensuche. Es lenkt mich ab und beruhigt mich.

Um die BPS dauerhaft zu besiegen, müssen Betroffene lernen in ihrem Alltag achtsam zu sein. Sie müssen darauf achten wie hoch ihre Anspannung ist, was sie auslöst und wie sie ihr entgegentreten können. Und auch im Umgang mit anderen Menschen ist Achtsamkeit wichtig. Ich habe gemerkt, dass es meinen Mitmenschen hilft, wenn ich ihnen erkläre, woran ich leide und das wiederum hilft mir gewisse Emotionen realistischer einzustufen. Obwohl die Krankheit viele Menschen betrifft (direkt und indirekt), kennen sie viele nicht.

Mit meinem Projekt “biotonne88 goes Europe” möchte ich zum einen auf die Krankheit aufmerksam machen und zum anderen mich ihr selbst stellen. Ich begebe mich sechs Monate auf die Reise durch Europa, um mich bewusst meiner schmerzenden Einsamkeit zu stellen und anhand von regelmäßigen Videos über die Krankheit und meine Erfahrungen zu informieren. Geocaching wird mich auf dieser Reise sowohl führen als auch stärken.

Ihr könnt Ann-Kathrin auf Instagram oder YouTube auf ihrer Europareise folgen und dort ihre aufregenden Geocaching-Abenteuer miterleben.

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